Verkehrte Welt: Die Heuschrecken fressen Sat.1 auf
Nach der Blitz-Absetzung der Info-Formate "Sat.1 am Mittag" und "Sat.1 am Abend": Eine Einschätzung der Lage von unserem Kolumnisten Jan Schlüter.
Mit dem heutigen Tag erreicht die Heuschrecken-Invasion, frei nach Franz Müntefering, ihren Höhepunkt. Denn bereits heute sollen die Info-Magazine "Sat.1 am Mittag" sowie "Sat.1 am Abend" zum letzten Mal gelaufen sein. Unglaublich wird dieser Fakt aber erst, wenn zugrunde gelegt wird, dass die Mitarbeiter dieser Sendungen sich am Freitag noch gut gelaunt und nichts ahnend ins Wochenende verabschiedet haben. Am Samstag wurde dann überraschend bekannt, dass die Formate abgesetzt werden sollen - allerdings mit einer Frist: Erst im Herbst sollte dieser Schritt geschehen.
Jetzt kommt alles ganz anders: Vor einigen Stunden ließ der Sender verlautbaren, dass die erwähnten TV-Formate bereits heute zum letzten Mal gelaufen sind und ab morgen durch anderes Programm ersetzt werden. Während Moderatorin Mareile Höppner sich am Mittag noch gegen 12 Uhr von ihren Zuschauern verabschiedete und noch anmerkte, dass man sich am nächsten Tag um 11 Uhr wiedersehe, so ist diese Floskel am Nachmittag nicht mehr gültig. Denn bereits heute verabschiedete sich Höppner von ihren Zuschauern, die übrigens immer zahlreicher wurden, zum letzten Mal. Dass die Sendung, genau wie "Sat.1 am Abend", einen Quotentod gestorben sei, ist diesmal überraschenderweise falsch. Oft holte das Magazin über 15 Prozent Marktanteil bei den werberelevanten Zuschauern und lag in den letzten Monaten deutlich über dem Senderschnitt. Warum also die Blitz-Absetzung?
Direkt schuld werden wohl die hohen Produktionskosten dieser Formate sein. Dutzende Mitarbeiter, komplette Redaktionen müssen entlohnt werden. Indirekt sind es aber die Aktionäre, die aktuell unglaublichen Druck auf das Management ausüben: Die Private-Equity-Unternehmen Permira und KKR übernahmen vor einigen Monaten die ProSiebenSat.1-Gruppe. Und für diese zählt nichts anderes als gute Zahlen und eine hohe Rendite. In den USA ist das Spiel mit Private Equity und Hedgefonds schon Alltag: Dort kaufen sich große Unternehmen (wie hier Permira und KKR) in andere große Unternehmen ein, übernehmen die Aktionärsmehrheit, veranlassen Entscheidungen, die zu kurzfristigen Gewinnen führen - und stoßen dann nach einigen Monaten oder vielleicht auch mal Jahren alle Aktien des Unternehmens ab. Mit kräftigen Gewinnen, versteht sich. Diese Strategie war in Deutschland noch nicht sehr präsent: Mit den heutigen Entwicklungen dürfte aber vielen Insidern klar werden, dass die "Heuschrecken-Invasion", wie sie Franz Müntefering einst nannte, voll in unserem Lande angekommen ist. Die kurzfristigen Entscheidungen zur Gewinnvermehrung, von denen ich gerade gesprochen habe, sind einfach zu erkennen: Es ist mittlerweile bekannt, dass ein Viertel aller Mitarbeiter von Sat.1 demnächst entlassen wird. Auf Anratung des Beraterunternehmens McKinsey, das aktuell im Auftrag von Permira/KKR das Unternehmen auf finanzielle Schwachstellen durchleuchtet, wurden bereits heute in der Blitzaktion die Sendungen "Sat.1 am Mittag" und "Sat.1 am Abend" eingestellt. Auch die Nachtnachrichten sollen demnächst wegfallen. In den Hauptnachrichten um 18.30 Uhr wird der bisherige Anchorman Thomas Kausch nie mehr zu sehen sein. Er verließ den Sender mit sofortiger Wirkung, nachdem ihm bekannt war, wie die Strategie bezüglich der Info-Formate aussieht.
Das Schlimme an dieser rasanten Entwicklung ist, dass das Unternehmen natürlich durch diese "Umstrukturierungen" mehr Gewinne einfahren wird – genau nach den Vorstellungen der ausländischen Investoren. Warum sollten diese auch an langfristige Zuschauerbindung denken? Sie wollen nur schöne Zahlen für dieses Jahr sehen - was nach dem Ausstieg der Private Equity-Unternehmen mit der Sendergruppe passiert, ist ihnen nur egal. Dass Sat.1 langfristig durch die Aufgabe dieser Info-Formate auch die Bindung an Stammzuschauer verlieren wird, spielt in den Überlegungen keine Rolle. Tragische Figur des Schauspiels ist Matthias Alberti, der im Gegensatz zum vorherigen Senderchef Roger Schawinski wie eine Marionette der Aktionäre wirkt und scheinbar ohnmächtig die Entwicklung beobachten muss. Ach, eine letzte Bemerkung noch: Die ProSiebenSat.1-Aktie stieg heute überproportional zum Börsenmarkt um 0,8 Prozent. Willkommen in der Wirklichkeit, lieber Zuschauer.
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