Für unsere Reihe "TVIP-Der Report" schreibt heute Mona Sharma. Sie beschreibt einen Tag bei "switch reloaded" in der Rolle der Melanie Schwackowiak.
Herbert und Melanie Schwackowiak, das sind der arbeitslose Arbeitslose und seine Frau die arbeitslose Webdesigner-Assistentin. Sie sind treue Schalke-Fans und leben in einer Hochhaus-Siedlung in Bottrop-Kirchellen.
6.30 Uhr aufstehen. Die Arbeitshölle beginnt. In jedem Komik-Darsteller steckt ein wenig Rockstar, Narzisst, also eine Art Kinski, Rolf Zacher, na ja, oder wenigstens ein Ottfried Fischer. Also alles Menschen die nicht aufstehen wollen, zumindest ungern morgens. Bei Schauspielern tickt meines Erachtens irgendwas im Kopf nicht ganz richtig. Schauspieler glauben wirklich morgens im Bett daran, dass jemand kommen müsste, um ihnen Frühstück zu bringen, sie anzuziehen, sie wach zu kraulen, oder sie wenigstens schlafen zu lassen.
Ich dreh mich also nochmal um.
…piep...piep...piep… der Wecker klingelt erneut, diesmal schon einwenig zickiger. Mist, 6.45 Uhr, ich habe zu lange über die Abgründe des Schauspielerdaseins siniert. 15 Minuten verloren, wo soll ich die jetzt einsparen? Hm, als Melanie werde ich heute nicht geschminkt. Hut auf (so nennen wir die Perücken), ein paar Ränder mehr unter die Augen gemalt, ein wenig rote Äderchen, das war's. Gebadet habe ich gestern abend, weil ich ja weiß wie schwer es ist, morgens früh aufzustehen. Katzenwäsche, Zähneputzen, Kämmen. Schade, bemerke, dass mir niemand meine Kleidung zum Vorwärmen auf die Heizung gelegt hat. Na, der Tag fängt ja gut an! Ich mache mir einen schwarzen Tee. Um die Uhrzeit essen? Unmöglich, mein Körper schläft ja immer noch. Ich spüre förmlich wie meine gesamten Körperporen noch geschlossen sind, der Laden hat einfach noch nicht geöffnet. Meine Tasche habe ich am Vorabend gepackt, weil ich ja weiß wie schwer es ist, morgens…
Warum ich für den Dreh meinen Beautycase mitnehme, versteht kein Mensch, denn Melanie Schwackowiak braucht definitiv keinen. Ich liebe dieses Ding und ich nehme einfach alles mit was ich brauchen könnte, da wären: Taschentücher, Bonbons, Schminke, Haargummi, Nagelpfeile, Kuli, Handy, Geldbörse, Kaugummi, Zahnseide, Labello, Haargel, Wasserflasche, Aspirin, Fotos, Bücher, Magazine, Notfalltropfen, Schlüssel, Haarspray, Fishermen's Friend, Nagelöl, I Pod, Sonnenbrille, Halstuch, Zahnstocher, Feuchttücher, Ob's, Handcreme, Kekse, Büroklammer, Pröbchen verschiedenster Art, Schlafbrille, Slipeinlage, Ohrenstöpsel, Bürste, Schmuck, Parfum, Feuerzeug, Einkaufswagenmünze, Glücksbringer, Deo, Herpescreme, Kalender, Nasenspray, Nylonstrümpfe…äh..und das Drehbuch.
Meine Pausenbrote schmiere ich mir noch eben selber, wegen meiner Laktoseintoleranz. Es klingelt, der Fahrer ist freundlicherweise eine Viertelstunde zu früh gekommen. Schaffe ich es jetzt noch ohne schlechtes Gewissen den Tee auszutrinken? Nein. Also ab durch die Tür! Mist, habe meine Brote vergessen.
Am Set werde ich vom Aufnahmeleiter begrüßt "Du, die anderen sind noch nicht da, kannst noch was entspannen". Im Maskenmobil ist niemand zu sehen, es ist eiskalt. Irgendwann kommt Helene, die Maskenbildnerin "Morgen, das Aggregat funktioniert wieder nicht, saukalt". Ich setze mich auf den kalten Maskenstuhl und krame im Beautycase nach meinem Taschenhandwärmer - verdammt, wenn man ihn mal braucht… Das Licht geht an, jippie, dann wird′s auch in ca. einer Stunde warm. Der Aufnahmeleiter streckt seinen Kopf herein und fragt freundlich "Wie lang braucht ihr noch?". Helene sagt "Es ist doch gerade erst das Licht angegangen?" und ich sage "Es ist auch noch niemand vom Kostüm da?". "Ach so, ich dachte, das was tu trägst, das wär schon das Kostüm". Na vielen Dank. Mein Kollege Peter Nottmeier, der Herbert Schwackowiak spielt, kommt herein und erzählt von seiner viel zu kurzen Nacht. Daraus entwickelt sich eine Art Wetteifern darüber, wem es heute Nacht schlechter ergangen ist, wer mehr gebeutelt ist und deswegen eigentlich berechtigt ist schnurstracks wieder ins Bettchen zu gehen.
Nachdem ich in meine rosafarbene Polyesterbekleidung gestiegen bin und den ebenso hässlichen Mopp auf dem Kopf habe, schleiche ich ans Set, so wie es Melanie eben tut. Hängende Schultern, unfreiwilliger Blick, auf nichts bezogen, nicht mal auf sich selbst. Alle schauen mich kopfschüttelnd an und müssen lachen. Das geht mir immer so, wenn ich Melanie spiele. Mir gefällt es, das Unverständnis und die Ablehnung in deren Augen zu sehen. Ich merke, ich bin als Melanie für andere echt. Mona ist schon jetzt offenkundig für die Crew nicht mehr erkennbar. Ich bekomme keinerlei Beachtung entgegengebracht, keine flirtenden Augen, keiner lässt Pausen, um nach meiner Meinung zu fragen. Teilweise lächeln Männer wenn sie an mir vorbeigehen so seltsam verkrampft. Das liegt daran, dass sie Angst haben, dass Melanie sie vielleicht anfasst oder sich ihnen auf welche Art auch immer nähert. Ich halte mich an Herbert. Alles was mein Herbert macht und sagt ist gut. Ich folge ihm. Mir geht es gut, wenn wir in allem unserer Routine nachgehen, auch wenn es nur das gemeinsame Rülpsen ist. Der Regisseur kommt "Morgen Melanie, wie geht′s?" "Schlecht". "Wieso denn, was ist los?" "Ich war noch nich kackn" antwortet Melanie unverblümt. Ein befreiendes Lachen geht durch den Raum. Herbert meint "Ach Melli, dat du aber auch immer so unappetitlich sein muss".
Lesen Sie auf Seite 2: Heute drehen wir drei Sketche von jeweils drei Minuten an einem Tag. Bei den vielen Einstellungen, Umbauten und Locationwechseln, ein heftiges Pensum...
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